Peter Wiegel: Drachenspucke

Zunächst möchte ich ganz herzlich Heinz Prange vom Debras Verlag in Konstanz für das Rezensionsexemplar danken, das er mir gegeben hat.

Beschreibung:937150-11-6

Peter Wiegel schreibt in dieser Kurzgeschichtensammlung, die aus zehn Geschichten besteht, über völlig normale Menschen, deren Leben ganz gewöhnlich verlaufen, ehe sie – zumeist jäh – aus ihrem Alltag gerissen werden; dies in Form von Dingen und Ereignissen, die der Leser in technischer Hinsicht zwar nachvollziehen kann, doch nach unserem jetzigen technischen Stand für nicht umsetzbar hält.

Zentrale Themen der Sammlung sind dabei Menschlichkeit, Liebe, technischer Fortschritt, Ethik und die Frage, was Technik darf, was sie nicht darf und welche Einflüsse technischer Fortschritt auf das Leben der Menschen haben kann.

Sprachliche Aspekte

Wiegels Geschichten lesen sich fast alle retrospektiv, konzentrieren sich in ihren Schilderungen auf die Wahrnehmung jeweils einer für die Handlung zentralen Figur und erinnern stilistisch sehr an Erlebnisberichte. Sie sind konzise formuliert, gleichzeitig aber überraschend detailreich und konzentrieren sich zumeist auf die Handlungselemente und Figuren, die essenziell für den Verlauf der Geschichten sind. Darüber hinausgehende Figuren, Orte und Szenen sind mit wenigen Ausnahmen eher Mangelware.

Ich empfinde diesen Schreibstil generell als lesenswert, weil alles Überflüssige beiseite gefegt wird und sich die Geschichten auf ihre essenzielle Aussage konzentrieren, ohne unnötig auszuschweifen oder vom Thema abzulenken. Sprachlich befinden sich die einzelnen Geschichten selbst auf sehr unterschiedlichen Niveaus: Während die erste Geschichte ‚Format C:/‘ mit ihrer starken Außenbetrachtung (beschrieben wird, was eine Figur visuell wahrnimmt; Emotionen oder interne Prozesse sind eher rar) und typischen Verbindungselementen wie ’nun‘, ’schließlich‘ eher an den Aufsatz eines Schuljungen erinnert, der lernen soll, wie man Inhalte verbindet und Visuelles beschreibt, wird Wiegels Stil in den folgenden Geschichten überraschend schnell professioneller und packender. Neben gekonnt selektierten visuellen Beschreibungen finden nun auch Emotionen einen Platz, die sehr gekonnt nicht blumig, sondern adäquat zum Stil eines Berichts in die Schilderungen eingebaut werden. Typologisch (Fokus auf eine Figur, Bericht, konzise) ändert sich – aus meiner Sicht glücklicherweise – nicht viel, doch die Sprache des Autors ist in den kommenden Geschichten wesentlich ausgefeilter und reifer. Dadurch, dass Wiegel seine Sprache gekonnt nicht unnötig verkünstelt und unserer Alltagssprache ähneln lässt, ist die Leseerfahrung der Erzählungssammlung sehr flüssig, packend und sehr angenehm.

Monieren muss man in sprachlicher Hinsicht, auch wenn das nicht (ausschließlich) die Schuld des Autors ist, das Lektorat des Verlags. Auch wenn man als Leser an den meisten Stellen nicht fundamental gestört wird, muss dennoch angemerkt werden, dass gerade das Reflexivpronomen ‚das‘ zumeist falsch geschrieben wird, in allen Geschichten entschieden zu viele Tippfehler enthalten sind und auch viele Zeichensetzungsfehler im Buch zu finden sind.

Inhaltliches:

Nach einem in dieser Form aus meiner Sicht eher unnötigen Vorwort, das sich in Schilderungsversuchen verliert, letztlich nirgendwohin führt und den aus meiner Sicht eher kläglichen Versuch anstellt, die vierte Mauer zwischen der Handlung und den Zuschauern niederzureißen, widmet sich Wiegel in zehn Geschichten der Frage, was technischer Fortschritt mit Menschen anstellt, die von diesen Wandlungen eher durch Zufall aus ihren Bahnen gerissen werden.

Jede dieser Geschichten hätte aus meiner Sicht das Potenzial zu einem eigenen Roman – doch ich bin sehr froh, dass Wiegel sich an dieser Stelle für Kurzgeschichten entschieden hat. Nicht aufgrund der Geschichten selbst (die allermeisten, abgesehen vielleicht von Karo und Format C:/, finde ich attraktiv!) – sondern, weil Peter Wiegel (im Gegensatz zu vielen Romanautoren) durch diese Gattung die Möglichkeit (mit Ausnahme des Falls der Geschichte Format C:/) gekonnt nutzt, die Themen ‚Technikethik‘, ‚Menschlichkeit‘, ‚Lebenswandel‘, ‚Liebe‘ und ‚technischer Fortschritt‘ in ihrer Essenz darzustellen und aufgrund der Erlebnisse seiner Figuren, die sich lebensweltlich gesehen in uns ähnlichen Umständen befinden, mir als Leser plastisch, kritisch und absolut packend darzustellen. Ich als Leser konnte mich recht schnell – ohne nötigen Firlefanz und Verschlingungen – auf die Fragen und Angelegenheiten konzentrieren, die der Autor zu Sprache bringt, wobei die plastische Darstellung der Charaktere dazu führt, dass ich mich zumeist wunderbar in diese Figuren versetzen konnte und mich somit gelungen denselben Frage- und Problemstellungen wie die Figuren selbst stellen konnte. Nur in Format C:/ hatte ich den starken Eindruck, dass die einzelnen Handlungssequenzen und die Figuren deutlich mehr Platz gebraucht hätten, um mich als Leser zu packen. Hier hätte, denke ich, ein Roman den Figuren besser Rechnung tragen können – alle anderen Geschichten passen wunderbar in die Gattung ‚Kurzgeschichte‘ und sind in dieser Gattung wunderbar aufgehoben.

Auch wenn die Geschichten wie Berichte geschrieben sind, ja fast wie Einträge in einer Chronik oder wie Schilderungen in Briefen, verliert der Autor mit Ausnahme von Format C:/ nie den Draht zu seinen Figuren – was bei Chronikeinträgen bzw. Erlebnisberichten (die ja oft stark passagen- bzw. handlungsorientiert sind) durchaus eine Gefahr ist; im Gegenteil finde ich es absolut bewundernswert, wie gut es der Autor schafft, den Figuren in den zumeist wenigen Seiten der einzelnen Geschichten Leben einzuhauchen und ihnen durch ihre Charakterzüge Form und Farbe zu verleihen.

Fazit:

Auch wenn die Geschichten von, wie erwähnt, unterschiedlicher Qualität sind, sehe ich – mit wenigen Ausnahmen – sprachlich und stilistisch eine deutliche Entwicklung im Verlaufe der Geschichtensammlung; wobei mir nicht klar ist, inwieweit die Geschichten nach ihrer Entstehung chronologisch angeordnet sind und es sich bei der Entwicklung, die ich wahrnehme, um Zufall handelt. Besonders schön finde ich persönlich, dass die Geschichten in unserer Welt stattfinden und aus dem Nichts heraus geschehen – das macht die Handlungen für uns als Leser relevant, indem man sich beim Lesen oft vorstellt, was geschehen würde, wenn man sich selbst in dieser Situation befände. Die Protagonisten fühlen sich meist vom technischen Fortschritt und den daraus erwachsenden Möglichkeiten überrollt; etwas, das – denke ich – viele von uns in ähnlicher Form in anderen Kontexten (Internet, Mobilgeräte, selbstfahrende Autos, etc.) durchaus nachempfinden können. Ja, es handelt sich um Science Fiction, aber um Science Fiction, die in unserer Welt verhaftet ist und sich nicht daraus ablöst – was die Geschichten ja auch so interessant macht. Oder in den Worten der Buchbeschreibung des Verlags: Man weiß, “dass man beim ähnlichen Inhalt sehr alter Bücher der Science-Fiction genau so dachte und heute feststellen muss, dass heutige Technik daraus Realität werden ließ.“

Max Heber aus 13. März 2017

Das Buch lässt sich hier beim Debras Verlag erwerben.

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