Visuelle Kompetenz nimmt zu, verbale Kompentenz nimmt ab. Neuste Online Trends

Laut einer kürzlich von WEbDAM, einem amerikanischen Marketingdienstleister veröffentlichten Studie, hat sich die kognitive Wahrnehmung von Menschen mit Beginn des Internetzeitalters – und insbesondere seit den letzten Jahren – enorm gewandelt. Demnach nimmt die Fähigkeit längere, reine Texte in kurzer Zeit aufzunehmen kontinuierlich ab, gleichzeitig nimmt die Fähigkeit Bilder und Graphiken schnell zu verarbeiten und einzuordnen zu. Diese zunehmende visuelle Kompetenz wirke sich auf die Zukunft und Struktur des gesamten Internets aus, da „Textwüsten“ mehr und mehr verschwänden und von aufgelockerten Seiten mit graphisch aufgearbeiteten Komponenten abgelöste würden, so die Prognose.

Dass diese Prognose mit einer gewissen Skepsis zu sehen ist, da einer der größten digitalen Bilder- und Graphikhändler des Internets, Shutterstock, besagte Marketingfirma WEbDAM im Jahre 2014 komplett aufgekauft hat, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Aussage im Kern durchaus haltbar und im Internetalltag beobachtbar ist.

Vom Fließtext zum Bild zur Infographik

Computergrafiken mit hoher Farbtiefe, Interaktionsmöglichkeiten und hohem Datenvolumen haben sich in den letzten Jahren immer weiter verbreitet. Insbesondere die stark angewachsenen Leistungsgeschwindigkeiten moderner Computerprozessoren sind die wichtigsten Innovationen der letzten Jahre im medialen Bereich haben diese Tür geöffnet. Die Internetnutzer scheinen auf dieses Angebot eingegangen zu sein, Bilderportale wie Instragram oder Pinterest haben die höchsten Wachstumsraten bezüglich Datenvolumen und Userzahl in den letzten Jahren. Neben dieser zunehmenden Tendenz eigene Fotographien zu teilen und einzubinden, setzten aber auch immer mehr Unternehmen auf komplexe Infographiken. Eine solche Graphik kann bis zu einer DIN A4 Seite groß sein und, bei einem professionellen Designer in Auftrag gegeben, den vierstelligen Kostenbereich erreichen. Eine Investition, die sich zumindest nach den Gesetzen des Marktes zu lohnen scheint: Die Absprungrate bei Videos und Graphiken ist im Gegensatz zu reinen Textseiten um ein vielfaches geringer. Mit dieser Verweildauer auf den Seiten steigt gleichzeitig die sog. Conversion Rate, also die Zahl der tatsächlichen und messbaren monetären Umsätze. Bildmaterial übertrumpft Textmaterial. Schon immer und war dieser Umstand nur durch fehlende technische Möglichkeiten „verschüttet“? Oder ändert sich die Neurologie des Menschen?

Der Mensch passt sich an

In der WEbDam-Studie durchgeführte Intelligenztests belegen tatsächlich, dass die Fähigkeit zur effizienten neuronalen Verarbeitung von Grafiken im Vergleich mit Tests vor zehn Jahren deutlich zugenommen hat. Der sogenannte Ravens Matrizentest hat ebendies aufzeigen können. Dieser spezielle Multiple-Choice-Test agiert ausschließlich mit optischen Aufgabenstellungen: Es gilt, Muster sinnvoll aus einer Auswahl verschiedener Möglichkeiten zu ergänzen. Das Verfahren wurde bereits in den 1930er Jahren durch den Psychologen John Carlyle Raven entwickelt und im zweiten Weltkrieg erstmalig zum Einsatz gebracht. So sind ab 1942 Soldaten der britischen Streitkräftet standardmäßig mit diesem IQ- Test konfrontiert worden.

In der Konzeption der vorliegenden Studie wurden zusätzlich die Netzwerke Pinterest oder Tumblr einbezogen. Die neuronale Verarbeitung eines Bildes benötigt den Angaben der Autoren gemäß nicht mehr als 50 Millisekunden. Dieser Wert ist Spitze in der Geschichte der Menschheit.

Wir werden intelligenter – aber die Aufmerksamkeit verteilt sich neu

Das Erstaunliche besteht dabei nicht unbedingt darin, dass der visuelle IQ kontinuierlich steigt. Daten des Menschen wie Lebensdauer, Körpergröße und auch in verschiedenen Tests nachgewiesene Intelligenz steigt seit Anbeginn ihrer Messungen. Die eigentliche Erkenntnis ist die wesentlich höhere Steigung der Kurve des visuellen IQ im Vergleich zum standartmäßigen IQ. Außerdem spielen Veränderungen der Aufmerksamkeitsspannen eine Rolle. In einer von Microsoft in Kanada durchgeführten Studie, schnitt vor allem die junge Generation in Punkto Konzentration schlechter ab als der Durchschnitt. So hatten (67%) der so genannten „early tech adopters“ die größten Schwierigkeiten sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren (durchschnittlich 44%) und 66% ließen sich leichter ablenken durchschnittlich: 45%). Dieser Umstand wirkt sich auch auf die Verarbeitung von langen Texten aus: Die Zielgruppe liest immer weniger lange Artikel im Netz und beschränkt sich auf die Aufnahme visueller Inhalte, die mit Textelementen ergänzt werden.

Auswirkungen: Wie mit dem neuen Trend umgehen?

Dass Inhalte einfach aufbereitet sein sollten – um kommerziellen Erfolg zu erzielen – ist durch die Bild- Zeitung lange eindrucksvoll belegt. Es stellt sich hier die Frage, ob Qualitätsmedien weiter an Boden verlieren werden. Wenn letztendlich die Form über den Inhalt siegt, gibt das Raum für Manipulationen. Es bleibt abzuwarten, wie die Politik in Zukunft auf die neuen Trends reagiert. Ein Gegensteuern durch mehr Erziehung zu medialer Kompetenz in Schulen wäre ein Anfang.

“Die­ser Bei­trag wurde als Gast­bei­trag von Herrn Richard Lili­en­thal ver­fasst und zur Ver­fü­gung gestellt.
Richard Lili­en­thal ist stu­dier­ter Kom­mu­ni­ka­ti­ons– und Medi­en­wis­sen­schaft­ler und hat sich auf die Berei­che Tele­kom­mu­ni­ka­tion, Mobil­funk­märkte, Medi­en­päd­ago­gik und Medi­en­recht spe­zia­li­siert. Er ist Redak­teur des Blogs von mobildiscounter.de”.

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